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Dienstag, 26. Mai 2009

Backpackersklaven

Vom Lake Rotoiti nach Karamea

Nach einer verdammt kalten Nacht am Lake Rotoiti verpasste ich den morgentlichen Nebel über dem See leider ganz knapp, weil ich zuerst mein Auto enteisen musste. Die Temperaturen luden nicht gerade zu Outdoor-Aktivitäten ein, trotzdem traf ich am Ufer eine Kanadierin, die zusammen mit ihrer Freundin gerade eine zweitätige Kajaktour gebucht hatte. Leicht fröstelnd standen die beiden am Ufer und konnten sich noch nicht so recht aufraffen, ihre Sachen für den Trip zusammenzupacken. Wir unterhielten uns noch ein Weilchen, bis mir schließlich auch zu kalt wurde, ich ihnen noch viel Spaß auf dem Wasser wünschte und meinen Weg fortsetzte.




Es ging weiter zum zweiten See im Nelson Lakes National Park, dem Lake Rotoroa, der gleich nebenan am Hügel liegt und irgendwie genau so aussieht wie der Lake Rotoiti. Dort war der Steg auch leider von einem Boot zugeparkt, so dass ich die mir so ans Herz gewachsene Steg-Idylle leider nicht eingefangen werden konnte. Außerdem schwammen dort ein paar schwarze Schwäne mit zwei Jungen herum, die den Steg wie ihren privaten Bootsanleger mit lautem Fauchen verteidigten.
Ich ging einer Konfrontation aus dem Weg und fuhr weiter nach Murchison, wo es eigentlich nichts zu sehen gibt, außer der längsten Hängebrücke Neuseelands. Eine ziemlich wackelige Angelegenheit, die nicht einfacher gemacht wird dadurch, dass ich durch den Metallgitterboden direkt auf den einige viele Meter weiter unten fließenden Fluss schauen konnte. Auf der anderen Seite gab es dann noch ein paar Walks mit Schautafeln, aber die waren wohl nur dazu da, die Überquerung der Brücke zu rechtfertigen. So führte z.B. einer der kurzen Wege zu eine alten "Goldmine", die sich allerdings nur als Loch im Boden herausstellte, das von einer klitzekleinen Wellblechhütte umgeben war, die darüber hinaus noch nicht mal begehbar war. Aber naja, die Hängebrücke an sich war schon beeindruckend genug. Ganz Wagemute konnten sich auf dem Rückweg auch gegen Extrabezahlung an einer Seilbahn über dem Fluss schießen lassen... eine etwas erzwungenes Fun-Angebot, aber selbst dafür findet sich immer jemand, der ein paar Dollar über hat.



Ich fuhr weiter der Westküste entgegen und kam auf dem Highway 6 durch Hawks Craig, einem von Hand in den Fels gehauenen Überhang, der die Straße durch die enge Buller Gorge überhaupt erst möglich machte und den Goldsuchern damals in der Gegend das Leben um einiges leichter machte.




Ich kam an der Westküste der Südinsel in dem Städtchen mit dem überaus sinnvollen wie fantasielosen Namen Westport an und fuhr von dort an der Küste entlang nach Norden. Zuerst ging es kilometerweit geradeaus und ich konnte beobachten, wie der Busch zur rechten Seite dem Strand auf der linken Seite der Straße immer näher kam und ihn schließlich erreichte. Dies hatte zur Folge, dass die Straße auf einmal in einen Serpentinenpfad überging und mich auf einem ewigen Kurvenweg nach Karamea brachte, dem nördlichsten Dorf der Westküste und der wahrscheinlich abgeschnittensten Ortschaft Neuseelands, die übrigens noch weiter nördlich liegt als Wellington auf der Nordinsel.

Da es schon so langsam dunkel wurde, checkte ich einfach in dem Hostel mit Campingmöglichkeit ein, das im Reiseführer als erstes genannt wurde, was - wie sich noch zeigen sollte - definitiv ein Fehler war. Das Rongo Backpackers wurde im Lonely Planet schon als etwas alternativ beschrieben, doch auf den ersten Blick machte es einen ziemlich netten Eindruck. Ich wurde von einem Alt-Hippie empfangen und gleich auf der gesamten Anlange herumgeführt, obwohl ich nur für eine Nacht dort campen wollte. Von der Einrichtung her war die Unterkunft sogar geradezu innovativ: Es gab ein großes Wohnzimmer mit offenem Kamin, einen großen Kräuter- und Kaktusgarten, ein holzbefeuertes Bad unter freiem Himmel, kostenloses WLan und sogar einen eigenen Radiosender in der Garage, der das gesamte Dorf beschallte. Ich stellte mein Auto im Vorgarten ab und setzte mich zu einem vernünftig aussehenden Engländer (Name mittlerweile leider entfallen) ins Wohnzimmer und kam auch gleich nett ins Gespräch. Soweit sogut.
Dann wurde es ganz schnell ganz eigenartig: Die anderen Bewohner des Hostels kamen nach und nach zurück, ignorierten mich aber völlig, antworteten nur knapp und abgehackt auf meine Versuche, ein Gespräch zu starten, und gaben mir ganz und gar das Gefühl, überflüssig und ungewünscht zu sein. Ich war schon kurz davor, mich einfach zurückzuziehen, was ich retrospektiv wohl auch hätte machen sollen.

Abends war so eine Art Gemeinschaftsabendessen geplant, zu dem jeder eine Kleinigkeit vorbereitet. Da sich aus Dosensuppen wenig zaubern lässt, stellte ich in Absprache mit dem Alt-Hippie eine Flasche Wein auf den Tisch und hielt mich beim Essen zurück. Mittlerweile war auch der Besitzer des Hostels eingetroffen und das Gespräch beim Essen - eher der Monolog des sehr von sich selbst überzeugten Chefs - drehte sich um das Hostel als Business und die Schwierigkeiten, die damit an einem so abgelegenen Ort wie Karamea verbunden sind. Mittlerweile war auch klar, dass alle Leute dort außer mir schon seit mehreren Wochen im Hostel kleinere Arbeiten verrichteten und dafür mit Unterkunft vergütet werden. Sogenannte Wwoofers also (Wwoof = willing workers on organic farms). Im Grunde war ich somit der einzige zahlende Gast. Der Besitzer fängt an, über seine Zielgruppen zu schwafeln, die er mit seinem Hostel anziehen will und spricht mich direkt an. Nebenbei: Das einzige, was er davor von mir erfragt hatte, war mein Name und die Anzahl der Nächte, die ich bleiben wollte. Auf dieser Grundlage muss ich mir den nächsten Satz vor versammelter Mannschaft anhören:
"Simon, nichts gegen Dich persönlich, aber ich werde meine Zeit nicht damit verschwenden, mich mit Dir zu unterhalten, da Du morgen sowieso weg bist." An dieser Stelle musste ich spontan und kurz auflachen, weil das einfach zu dreist war, um wahr zu sein. Ich selbst habe mir nicht die Mühe gemacht, das zu kommentieren, da diese Äußerung - wie schon der gesamte Monolog davor - nicht darauf ausgelegt war, diskutiert zu werden. Mich erstaunte allerdings, dass kaum einer der dort am Tisch sitzenden Backpackersklaven auch nur eine Regung bei dieser Äußerung gezeigt hat und einzig der Engländer, mit dem ich mich zu Anfang nett unterhalten hatte, versuchte, vorsichtig kontra zu geben und sich dafür eine Bemerkung über seine allgemeine Intelligenz anhören durfte.

Während ich noch darüber grübele, ob ich mich nicht doch vielleicht verhört haben könnte, schwadroniert der Chef weiter darüber, dass ja nur echte "Traveller" (also seiner Meinung nach Leute, die mindestens zwei Wochen an einem Ort bleiben) überhaupt richtige Reiseerfahrungen machen können und wie er sein "Business Modell" darauf einstellen möchte. Ein wenig später kommt allerdings heraus, dass sein Unternehmen noch nie grüne Zahlen geschrieben hat, was mir ein etwas zu offensichtliches Schmunzeln entlockt. Als einzig zahlender Gast lasse ich die Backpackersklaven den Tisch abräumen und diskutiere - nachdem die restlichen Leute sich nach dem Essen in Sekundenschnelle in Luft aufgelöst haben - mit dem Engländer noch lange über Umgangsformen und direkte Auswirkungen dieser auf Gästezahlen. Im Endeffekt stellt sich heraus, dass der Engländer auch erst seit gestern da ist und das sein erster richtiger Abend mit den Bewohnern des Hostels ist und er noch für zwei Wochen bleiben werde. Die restlichen Bewohner seien schon wesentlich länger da und kennen schon die Ansichten und Monologe des Besitzers, was erklären würde, warum sie alle die Klappe gehalten haben. Einer sei sogar schon seit vier Jahren (!) dort.

Meiner Meinung nach macht dieses Hostel zwei Sachen falsch:
  1. Es bewirbt sich selbst in Reiseführern als allgemeine Unterkunft, obwohl ganz klar geworden ist, dass nur Langzeitreisende oder Hippies gewünscht werden, die durch das wwoof Programm ausgenutzt werden können.
  2. Reisende, die nur eine Nacht da bleiben, sollten nicht beleidigt werden, denn die Leute, die Unterkünfte für Reiseführer testen, bleiben schließlich auch nur eine Nacht dort
Mir drängt sich ein wenig das Gefühl auf, dass der Besitzer so eine Art Community schaffen möchte, dies aber so dermaßen erzwingt, dass sich die Bewohner völlig abschotten, was eher in einer verlogenen Gemeinsamkeit gipfelt als in einem wirklichen Zusammensein. Diesen Eindruck bestätigten mir zwei der Backpacker, nachdem sie sich vergewissert hatten, dass der Besitzer schon gegangen war und schauten sich auch mehrmals um, ob auch keiner der anderen Bewohner hören könne, was sie da gerade sagen.
Alles in allem war das die bisher eigenartigste Begebenheit meiner Reise. Dieser krasse Gegensatz war einfach verblüffend: Die Unterkunft an sich war fantastisch gemütlich, doch die Leute darin sendeten so einen unterkühlten "Vibe" aus, dass ich jeden vermoderten Campingplatz dieser Hippiehütte vorziehen würde.

Sonntag, 16. November 2008

Bunte Thermalwelt

Rotorua

Auch mein zweiter Tag in Rotorua stand im Zeichen thermaler Aktivitäten. Dampfende Seen und blubbernde Schlammlöcher hatte man ja schon gratis im Kuirau Park ansehen können, aber um einen waschechten Geysir in Aktion sehen zu können, besuchte ich dann doch das Waiotapu Thermal Wonderland. Pünktlich um 10:15 wurde dort der Geysir mit etwas Seife gefüttert, um die Oberflächenspannung des Wassers in den unterirdischen Kammern herunter zu setzen und damit eine Eruption zu zünden. Nach einem gewaltigen Ausbruch von 15m spuckte der Geysir noch über eine halbe Stunde Wasser. Interessant war die Zuschauerreaktion: Um 10:15 waren die Sitzbänke (!) vor dem Geysir noch restlos gefüllt, wenige Sekunden nach der ersten Eruption hatten viele Power-Touris ihre Fotos schon gemacht und hetzten gen Ausgang, um auch ja die ersten im restlichen Thermal Wonderland zu sein. Nach und nach leerte sich auch letzten Plätze während der Geysir immer noch munter vor sich hin blubberte. Übrig blieben zwei Dutzend deutsche Touristen, die nach dem Motto "Ich hab für einen ganzen Geysir bezahlt, ich bleibe bis das Ding zu Ende geblubbert hat!" ausharrten. Dummerweise könnt Ihr als Leser jetzt anhand meiner Beschreibung genau einordnen, in welche Kategorie Touri ich gehöre. :) Ganz bis zum Schluss hielt ich es dann aber doch nicht aus und schaute mir das restlich Thermal Wonderland an, das über und über mit thermalen bzw. geologischen Besonderheiten vollgestopft war. Mit der Wissenschaft dahinter habe ich mich nie auseinander gesetzt, aber im Grunde läuft es darauf hinaus, dass geothermische Aktivitäten die Erde erhitzen, woraufhin sich mit der Zeit verschiedene Ablagerungen bilden, die nett anzusehen sind, weil sie bunt sind.








Nach diesen ganzen heißen Steinen war mir nach einer Erfrischung zumute und ich fuhr zum Kerosine Creek, einem der wenigen Plätze, an dem man gratis ein thermales Bad nehmen kann. Von außen sieht der Bach aus wie jeder andere, doch spätestens wenn man den ersten Zeh ins Wasser hält, merkt man den Unterschied: Das Wasser ist wohl so um die 40° warm und damit fast schon zu heiß zum Schwimmen geschweige denn Erfrischen. Trotzdem stellte ich mich ein paar Minuten unter den kleinen Wasserfall. Im feuchten Winter muss dieser Bach sehr gut besucht sein, könnte ich mir vorstellen.


Und es ging weiter mit dem Besuch der Auswirkungen der thermalen Aktivitäten: 1886 kam es zum Ausbruch des Mt. Tarawera, eines der Vulkane hier in der Gegend. Insgesamt acht Dörfer wurden fast völlig vom niedergehenden Schlamm bedeckt und ca. 150 Menschen verloren ihr Leben bei dem Ausbruch. Sieben dieser Dörfer sind noch immer vergraben, Te Waiora allerdings wurde in den letzten 20 Jahren mehrfach von Archäologen besucht und fast vollständig ausgegraben. Heute kann man sich die Ergebnisse dieser Arbeit im Buried Village ansehen. Dieses Dorf war besonders interessant, weil es in der Nähe der Pink and White Terraces lag (das sogenannte achte Weltwunder). Diese natürlichen Kalksteinterrassen lockten schon in den 1870er Jahren eine Menge Touristen in die Gegend. Leider wurden sie jedoch bei dem Ausbruch zerstört und können jetzt nur noch als Fotografien in dem kleinen Museum des Villages bewundert werden.
Ich hatte das "Glück", von einem der angeblichen Nachfahren des Dorfzauberers von Te Waiora aufgegriffen zu werden. Der Maori erzählte mir einiges Interessantes über das verschüttete Dorf und riss dabei so ehrfürchtig die Augen auf, dass ich ihm fast glauben konnte, dass er wirklich von einem Dorfschamanen abstammt.




So vollgestopft mit Maorigeschichte und -kultur beschloss ich spontan, hangi zu machen; ein traditionelles Essen der Maori. Eigentlich werden das Fleisch und das Gemüse dafür mehrere Stunden lag in der thermal-heißen Erde vergraben, aber mein toller Campingplatz hatte einen mit heißem Erd-Dampf betriebenen Hangi-Ofen, der das ganze sehr gut simulierte und mir einen Haufen Buddel-Arbeit ersparte. Lamm und diverses Gemüse (u.a. Kumaras und Kürbis) wurde zerschnippelt und gewürzt, zwei Stunden in den Hangi-Ofen damit und fertig. Und was soll ich sagen... so zartes Fleisch hab ich im Leben noch nicht gegessen. Es zerging auf der Zunge, wie man so schön sagt. ;)




Samstag, 30. August 2008

Rumtreiber

Nachdem die letzten Tage mit Organisatorischem und Ärgerlichem vergeudet wurden, was es wieder Zeit, aus der Stadt heraus zu kommen. Also wurden diesen Dienstag tagsüber CVs in der hiesigen Mall verteilt, um abends dann pünktlich zum Sonnenuntergang am Strand von Muriwai zu sein. Das ist genau die gleiche Ecke wie Karekare Beach und Piha Beach nur etwas weiter nördlich.
Leider war der Weg dahin nicht ganz so einfach wie geplant, also wurde der Sonnenuntergang knapp verpasst. Was aber auch nicht weiter wild war, da es mittlerweile eh ziemlich zugezogen war, was der ganzen Landschaft einen ziemlich wilden Eindruck verlieh. Das Meer war unruhig und am Strand lagen noch allerlei Baumreste vom letzten Sturm herum, der die Nordinsel vor ca. zwei Wochen heimgesucht hatte. (Hier in Auckland sind dabei sogar zwei Leute ums Leben gekommen.) Gruselig waren auch die bis zu zehn Meter langen Wurzelreste von Pflanzen am Ufer, die ihre erdigen Finger nach der See ausstreckten.






Zum Zeitpunkt der letzten beiden Fotos (s.u.) war es praktisch schon stockduster und der Meeresspiegel war beachtlich angestiegen, so dass an einen Rückweg über den Strand (so war ich dorthin gekommen) nicht mehr zu denken war. Es folgte also eine kleine nächtliche Klettertour über diese schwarzen Steine samt Fotoequipment und ein ausführlicher Umweg zum unbeleuchteten "Parkplatz" am Strand.
Wenn man sich das letzte Foto mal in Groß anschaut, kann man links an der Küstenlinie (dort, wo das Gras aufhört) eine Person erkennen, was mich beim Bearbeiten der Fotos ziemlich erschreckt hat, da ich eigentlich der Meinung war, auf einem absolut verlassenen Strand zu sein. Wer weiß, wer sich an dem Abend noch so alles dort herumgetrieben hat...



Dienstag, 12. August 2008

Metallpilze

Etwas nördlich von Auckland liegt der Vorort Devonport, der sich laut Reiseführer prima für einen Tagesausflug eignet. Eigentlich gut per Fähre zu erreichen, aber ich wollte unabhängig sein von den Abfahrtszeiten, also nahm ich den kleinen Umweg über die riesige Harbour Bridge und den vor Devonport gelegenen Ort Takapuna in Kauf. Nach einem weiteren Umweg auf meinem Umweg (die Highway Ausfahrten sind hier irgendwie nicht immer mit ihrem Ziel beschildert) parkte ich meine Karre in Devonport an der Hauptstraße. Dann ging es per pedes weiter.
In Devonport gibt es zwei Vulkankegel, die beide auf dem Programm standen. Auf beiden Anhöhen findet man heute noch Bunkersysteme und Geschützstellungen sowie Kanonen, die alle Ende des 19. Jahrhunderts erbaut wurden, um einer eventuellen russischen Invasion Parolie bieten zu können. Die Russen hatten derzeit andere Probleme, was die Neuseeländer aber nicht davon abhielt, die Wehranlagen im Laufe des ersten und zweiten Weltkriegs auszubauen.
Als erstes stieg ich auf den Mt. Victoria, auf dem immer noch eine beachtliche Kanone installiert ist.


Wie sinnfrei diese ganze Aufrüstaktion war, kann man sehr gut einer Infotafel über den Aufbau dieser Wehranlagen entnehmen, die dort angebracht ist. Im Grunde läuft es auf Folgendes hinaus: Irgendein taktischer Fiffikus des verflossenen Jahrhunderts setzte sich in den Kopf, dass es doch total praktisch wäre, ein in den Boden versenkbares Großkalibergeschütz auf dem Mt. Victoria anzubringen. Also wurde zuerst die zu verwendende Kanone angefertigt. Da so ein Ding nun mal einiges wiegt, stellte sich dem ganzen nun das Transportproblem in den Weg, da es zu der Zeit noch keine bequem geteerte Straße gab, die den ganzen Weg hinauf zum Vulkanhügel führte. Also wurde kurzerhand ein Schienenstrang verlegt, über den die Kanone den Berg hinaufgezogen wurde. Oben angekommen wurde sie in einer geschaffenen Senke in ein Hydrauliksystem montiert, mit dem sie im Bedarfsfall aus der Senke herausgehoben werden konnte und außerhalb eines Gefechtes - eingefahren - kaum sichtbar war. Dieser Vorteil der "versteckbaren" Kanone hatte allerdings den Nebeneffekt, dass der Ladevorgang theoretisch diverse Minuten dauerte, da die Kanone nach jedem Schuss wieder eingefahren werden musste, um nachgeladen zu werden. Theoretisch deswegen, weil die Kanone - nach dem ganzen Aufwand, der deswegen über die Jahre hinweg getätigt worden war - nur ein einziges mal abgefeuert wurde. Dieser Testschuss ließ Mt. Victoria dermaßen erzittern, dass etwas weiter unten diverse Glasscheiben zu Bruch gingen, was heftigen Protest der Bevölkerung zur Folge hatte, voraufhin beschlossen wurde, die Kanone nicht erneut abzufeuern und die Munition zu entfernen. Bergab lassen sich Kugeln ja auch einfacher transportieren... naja.
Ganz unabhängig von der im Nachhinein nutzlosen Aufrüstung (die Russen hätten ja auch kommen können) hatte man einen grandiosen Ausblick in alle Richtungen.

Ruhig mal auf die Vorschau draufklicken, es ist eine etwas größere Version hinterlegt. ;)

Das hier (s.o.) ist der Blick Richtung Osten. Technisch gesehen sind das ca. 180°, aber Osten ist in der Mitte, wo man am Horizont die etwa sieben Kilometer entfernte Vulkaninsel Rangitoto Island sieht, die erst 600 Jahre alt ist. Auf dieser Insel waren früher Übungsziele für die Geschütze am North Head installiert. North Head ist übrigens die oben erwähnte zweite Anhöhe und ist im rechten Drittel des Panoramas zu erkennen.
In Richtung Süden gab es dann noch einen tollen Ausblick auf Auckland.


Die Rasenfläche über den Bunkern auf Mt. Victoria war übrigens über und über mit solchen Metallpilzen bedeckt, deren philosophische Bedeutung mit Sicherheit genügend Stoff für eine Abschlussarbeit geboten hätte, in erster Linie stellen die Dinger aber - neben der Aussicht - einen echten Touri-Magneten dar. Da ich etwas länger auf dem Hügel war als der durchschnittliche Tourist, konnte ich das sich wiederholende Verhalten mehrmals beobachten: Tourigruppe kommt per Auto an... wow, was für ein Ausblick... hey, guck mal, da sind Pilze!... ob man sich da draufstellen kann?... Und schon artete das ganze in einen immer wiederkehrenden Contest aus, der da lautet: Wie viele Chinesen bekommt man gleichzeitig auf einen Fliegenpilz?

Nach dem Abstieg ging es durch eine niedliche Wohngegend mehr oder weniger direkt an den Cheltenham Beach. Dort wurde ich zwar einmal wieder von einem kurzen Schauer erwischt, der nach seinem Abzug aber für ein paar Sekunden einen doppelten Regenbogen hinterließ.





Cheltenham Beach führt zu der Landzunge, auf der North Head gelegen ist. Der Sand geht dort in schwarzes Lavagestein über, auf dem sich direkt am Wasser tausende von kleinen Muscheln so festgesetzt haben, dass sie z.T. schon in den Stein übergehen. Wie sowas zustande kommt, müsst Ihr einen Geologen/Biologen(?) fragen, faszinierend anzusehen war es allemal.



Kurz nach Sonnenuntergang...

...wurde dann noch North Head umrundet, wo die nächsten verlassenen Geschütze gefunden wurden.

Mit einem letzten Blick auf das abendliche Auckland trat ich den Rückweg über die Uferpromenade von Devonport an.

Mittwoch, 16. Juli 2008

Kamikaze-Spatzen

Von Pukenui über Cape Reinga bis Matakohe

Dank unheizbarem Zimmer war ich auch am Mittwoch letzter Woche früh auf den Beinen und dann auch schon im Auto. Den Ninety Mile Beach ließ ich vorerst aus und heizte direkt zum Cape Reinga, dem nördlichsten Punkt Neuseelands. Und obwohl die Straße dorthin schon teilweise geteert ist, kommt man sich vor wie am Ende der Welt.


Steht man erst am Leuchtturm (der übrigens immer noch in Betrieb ist), hat man um sich herum fast nichts als den Ozean bzw. den Pazifik, der auf die Tasmanische See trifft. Hier soll es bei Sturm bis zu zehn Meter hohe Wellen geben, aber während unseres Besuchs war es recht ruhig. Die Brandung war eh so weit unten, dass man eine fünf Meter hohe Welle nicht von einer fünfzehn Meter hohen Welle hätte unterscheiden können. Hier am Cape Reinga gab es wohl mal den nördlichsten Briefkasten Neuseelands und ich hatte mir deswegen extra ein paar Postkarten gekauft, aber leider nutzen die Neuseeländer ihren Winter wohl dazu, sämtliche Sehenswürdigkeiten zu renovieren, um für den Ansturm im Sommer fit zu sein. Daher gab es weit und breit keinen Briefkasten und ich nahm meine Postkarten unbeschrieben wieder mit.




Ich hatte mich auch schon darauf gefreut, diesen verrückten Wegweiser zu sehen, der einem anzeigt, welche Orte wieviele Tausende von Kilometern entfernt sind. Damit wird das Gefühl dann nur noch mehr bestärkt, wirklich am letzten A...rm der Welt zu sein. Ihr wisst schon, diesen hier, davon hat jeder schon mal irgendwo ein Foto gesehen. Aber der sah leider so aus.


Frechheit! :(


Naja, egal, ich genoss die Stimmung und verdrückte mich dann so langsam als die ersten Reisebusse der großen Veranstalter ankamen. Mit diesen Reisebussen konnte man nämlich ab Kaitaia und von vielen anderen Städten aus die Nördliche Halbinsel erkunden bzw. man wurde bequem hinkutschiert. Viele dieser Busse fuhren dann auch ein Stück über den Ninety Mile Beach und ließen Touristenkinder aufkreischen, wenn das Wasser von den Busrädern weggespritzt wurde. Aber mal ehrlich, wie spannend ist es, in einem vollgefederten, vollklimatisierten und voll langweiligen Bus voller Touris über den Strand zu tuckern? Richtig, gar nicht spannend, wenn man das gleiche mit seinem eigenen Auto machen kann und dabei noch den Nervenkitzel hat, dass man plötzlich im Sand stecken bleiben könnte und dabei zusehen muss, wie das Auto so langsam von den Fluten verschlungen wird. Kurzentschlossen bog ich - ich glaube, es war bei Waihopo - in eine Nebenstraße Richtung Strand ab und kam einige Minuten voller Schlaglöcher später auch schon direkt am Strand an. Mit direkt meine ich auch direkt, denn die Straße verlief einfach im Sand und schon stand man da... aufm Strand. Und davon gibt es dann auch massig, denn die gesamte Küste von Kaitaia nach Norden bis zum Cape Reinga sieht im Grunde gleich aus; kilometerweit heller Sandstrand. Es ist allerdings nicht dieser feine Puderzucker-Sand, sondern schon recht harter Bodenbelag, der sich problemlos befahren lässt. Also zum Sonnenbaden oder Beachvolleyball spielen ist man hier falsch, aber zum Quad oder Jeep fahren genau richtig. Also fuhr ich einfach ein wenig rum, schloss die Augen dabei und stellte mir vor, dass mein Automo-Car mit Allradantrieb und Ralleyfederung ausgestattet wäre. Nach genauer Analyse der Wasserbewegungen zwecks Gezeitenfeststellung fuhr ich auch die nächsten 10 oder 15km auf dem Strand nach Süden, denn dort musste ich ja sowieso hin.





Es kamen mir noch einige Quads und Jeeps und sogar ein paar Motorräder entgegen, also konnte ich mir sicher sein, dass man den Strand dort, wo die herkamen, auch wieder verlassen konnte... zumindest mit einem Jeep, Quad oder einer Ralleymaschine. ;) Bei Waiharare ging es dann wieder auf den Highway 1 und dann im Eiltempo nach Süden... wieder mit der Fähre von Motukarake zurück nach Rawene und so weiter.
Vor der Fähre machte ich aber noch kurz halt in Kohukohu, wo ich im Waterline Café einen grandiosen Kaffee Latte inklusive maritimem Ausblick von einer über dem Wasser gebauten Veranda bekam.



Die restlichen unzähligen Kilometer über hielten mich immer wieder akut selbmordgefährdete Kamikaze-Spatzen wach. Diese hatten zwei Vorgehensweisen: Erste bestand darin, abzuwarten bis ich mich mit dem Auto dem heimischen Baum / Busch / Hecke näherte, um dann im Schwarm daraus hervorzuschießen und so lange vor dem Auto herzufliegen (mit deutlich geringerem Tempo als jenes, versteht sich), bis das Vogelrudel mir mit dem Schwanzfedern problemlos den Fliegenmatsch von der Windschutzscheibe hätte polieren können. Genau eine Millisekunde bevor das Federvieh selbst zu Gulasch transfomiert wurde, drehte es dann ab als ob nichts gewesen wäre. Die zweite Möglichkeit bestand darin, dass die Spatzen einfach so mitten auf der Straße ganz lässig rumhangen. Sobald ein Auto kommt, wetten sie um den riesigen Brotkrümel (den eh keiner von ihnen runterkriegt) am Straßenrand, wer als letzter wegfliegt, ohne erwischt zu werden. Und da alle genau gleichzeitig wieder eine Millisekunde vor dem PATSCH wegfliegen, liegt der Brotkrümel noch heute dort.
Daran sieht man mal wieder, dass Neuseeland einfach das Land der Extremsportarten ist, selbst bei Vögeln. Ich könnte schwören, dass einer sogar mal einfach sitzen geblieben ist und uns über ihn hinwegfahren lassen hat.
Endlich in Matakohe angekommen, untersuchte ich unser gerädertes Gefährt nach Geflügelleichen bevor ich im Top 10 Holiday Park meine Hütte bezog. Da Matakohe ein kleines Nest ist, gab es ziemlich wenig "light pollution" und die Sterne waren herrlich zu sehen.





ps: Sorry, aber ich musste die google-maps Module rausnehmen und durch Screenshots ersetzen. In der Masse haben die Dinger mir nämlich den Blog komplett lahmgelegt.